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Ich bin nicht einfach
und schon gar nicht einfach ich

Wie ich den Donald Trump in mir kennenlerne

Karin Wess hat in ihrem wundervollen Beitrag „Ganz einfach ich“ dazu aufgefordert, ebenfalls einen Beitrag zu diesem Thema zu schreiben.

Und jetzt sitze ich schon ein paar Tage hier und überlege, wer ich denn bin. Seit der Wahl von Donald Trump beschäftige ich mich intensiv mit dem Donald Trump in mir. Denn mich beschäftigte die Frage, was hat es mit mir zu tun, dass dieser Mensch zum wohl mächtigsten Mann dieser Welt gewählt wird.

Das tut ganz schön weh. Denn ich bin tief in mich hinein und habe erkennen müssen: auch das bin ich.

Ich bin ziemlich überheblich und arrogant und die Art, wie ich auf Donald Trump herabsehe, unterscheidet sich in keiner Weise von der Art, wie Donald Trump auf Mexikaner oder Frauen sieht. Von oben herab eben.

Und ich bin rassistisch. Ehrlich. Das zuzugeben tut weh. Denn eigentlich mag ich mein „Ich liebe alle und bin super liberal“-Image. Und das bin auch. Aber, und das Aber ist groß, es gibt auch den rassistischen Teil in mir.

Wenn ich drei Tage im Luxuswellnesshotel mit meinem Mann Urlaub mache und dabei Russisch oder Ungarisch höre, nervt mich das. Und ich schäme mich dafür, dass es mich nervt. Aber es nervt.

Wenn ich abends online gehe, um mit der ganzen Welt Bridge zu spielen, dann will ich nicht mit jeder Nationalität spielen. Ehrlich. Mein Spielpartner und ich müssen gemeinsam spielen, kommunizieren und uns vertrauen. Mit Italienern mach ich das nicht, auch sämtliche Spieler aus dem Ostblock meide ich. Wenn jemand aus Afrika auf dem Platz gegenüber von mir sitzt, wundere ich mich, dass er Computer und Internetzugang hat. Wie peinlich ist das denn? Manchmal verfluche ich mein jahreslanges Training in Selbstbeobachtung, denn ich muss mich ständig damit konfrontieren, was mein Hirn so denkt.

Aber so ist es nun mal. Am liebsten spiele ich mit Amerikanern und Menschen aus Schweden und Norwegen, auch Griechen, die sind den Italienern zwar ähnlich, aber ich liebe nun mal Griechenland. Franzosen kommen gar nicht in Frage, schon allein weil die ihr Profil nicht auf Englisch schreiben….Ich könnte euch noch tausend kleine Beweise für meinen Rassismus aufzählen.

Aber es trifft auch meine deutschen Mitbürger.

Menschen, die AfD wählen, halte ich für total unterbelichtet, Hartz 4-Empfänger für faul, Mütter, die ihre Kinder unter drei in die Kita stecken, halte ich für Rabenmütter, Eltern, die sich scheiden lassen, ohne vorher eine Paarberatung besucht zu haben, sind für mich verantwortungslos. Menschen, die ungefragt machen, was ein Arzt ihnen sagt (inklusive impfen), halte ich für dumm, wer nicht bereit ist, an sich zu arbeiten, hat eigentlich gar nicht verdient, überhaupt zu leben.

Ja, das bin ich.

Voller Vorurteile. Ebenso voll wie Donald Trump.

Es ist nicht einfach, das zu akzeptieren.

Denn ich will so gar nicht sein.

Natürlich gibt es auch andere Facetten von mir. Manche mag ich, manche mag ich nicht. Also den Donald in mir mag ich nicht. Das heißt nicht, dass ich ihn nicht akzeptiere. Aber zustimmen tu ich dem nicht. Ich mag den englischen Satz: „To accept does not mean to agree.”

Auch andere Aspekte an mir mag ich nicht.

Ich schiebe unangenehme Dinge immer auf. Das hat zur Folge, dass wir hunderte von Euro jedes Jahr für blödsinnige Mahngebühren rauspulvern und aus einer kleinen Zahnfüllung irgendwann eine aufwendige Wurzelbehandlung wird oder die freundlichen Menschen vom Finanzamt die Geduld verlieren.

Ich liebe es, Recht zu haben, und ich habe Recht. Weil das so ist, spiele ich gerne den Retter. Schließlich weiß ich, wie es besser geht und kann wunderbar anderen Menschen erklären, was sie zu tun haben, damit ihr Leben besser läuft. Und nur um weiterhin radikal ehrlich zu sein: Ich mag mich in dieser Rolle.

Obwohl ich weiß, dass sie Teil vom Drama ist und ich damit unterschwellig „Ich bin o.k. – Du bist nicht o.k.“ kommuniziere.

All das bin ich, und nein, es ist nicht einfach.

Ich provoziere total gerne, und gleichzeitig will ich, dass mich alle mögen. So viel zum Thema einfach. Eher wohl „Mission impossible“.

Natürlich kann ich euch hier auch all meine sogenannten positiven Anteile aufzeigen.

Es gibt durchaus Ichs in mir, die mich sehr liebenswert machen. Ich weiß, was es bedeutet zu dienen, ich liebe auf einer sehr tiefen Ebene, ich lasse mich ein und gehe mit meinen Klienten durch jede Scheiße, ohne mir die Nase zuzuhalten. Ich habe sehr viel Weisheit in mir und eine gute Verbindung „nach oben“.

Ich habe ebenso viel Mutter Teresa in mir wie ich von Donald Trump habe.

Ebenso viel Teufel wie Gott.

All das bin ich, und politisch korrekt müsste ich jetzt sowas schreiben wie „und es ist mir egal, was andere von mir denken.“

Ist es mir aber nicht.

Ich will, dass Du mich magst, auch wenn Du mich nicht kennt. Ich will, dass mich die ganze Welt toll findet. Und ich kann damit leben, dass dem nicht so ist.

Ich bin ein Angsthase, der viel Mut hat.

Ein Mensch, dessen Herz am Leiden in dieser Welt täglich bricht und der das Leben liebt.

Ich habe viel Scheiße gefressen und habe Gold daraus gemacht.

Mein Enkel hat vor kurzem gesagt: „Ich kenn mich auch.“

Und ich dachte: Wow, das würde ich von mir auch sagen können.

Meinen Donald Trump habe ich gerade erst in seiner ganzen Dimension kennengelernt.

Fakt ist: Ich kann nicht wirklich sagen: „Das bin ich“. Denn eigentlich kenne ich mich noch nicht wirklich.

Aber ich lerne immer mehr über mich. Und hoffe das hört niemals auf. Und dann, wenn ich auf meinem Sterbebett den hoffentlich letzten Beitrag in meinem Leben schreibe.

Dann sage ich euch, wer ich war.

 

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6 Gedanken zu „

  1. Danke, liebe Trumpdeeresa (Dora Klein: du hast einen grenzgenialen Namen kreiert und erschaffst in einem Atemzug die neue Dreifaltigkeit von Trump, Rudolph the red nosed reindeer und Mutter Teresa! Hut ab!!)
    für diesen wunderbaren Artikel. Ich hab mich köstlich amüsiert und gedacht, jemand schreibt über mich – so oft hab ich mich ertappt gefühlt! 🙂
    Letzte Woche hab ich ebenfalls einen fb Beitrag erstellt unter dem US Songtitel „One“ und dem Hinweis, dass es wichtig wär, unseren eigenen Schatten anzunehmen, damit wir nicht immer mit dem Finger auf die „Bösen da draußen“ zeigen müssen!
    Was du hier von dir gibst, ist eine quicklebendige, mutige, ehrliche und soooo liebenswerte Version davon. Ich danke dir! und ich wünsch dir noch noch viel Spaß und Staunen beim Auf- und Entdecken weiterer Facetten deiner Selbst, denn ja, noch ist das Werk lange nicht zu Ende, oder die Auslage in Arbeit, wie Andre Heller sagen würde!
    Herzensgrüsse Melanie

  2. Danke Dee, für diese Offenheit. Fast in allen Punkten erkenne ich mich selbst wieder. Nur dass ich kein Bridge spiele… dafür nehme ich bei der Mitfahr Plattform blablacar keine Männer mit arabischen Namen mit. Vorsichtsmaßnahme oder Vorurteil – das mag jeder selbst beurteilen….

  3. Oh du liebe, wunderbare, Trumpdeeresa! Wie grausam doch deine Erkenntnisse meine weiße, bis heute trumplos erscheinende, Weste befleckten. Du gnadenloser Spiegel. Ich hatte bisher auch eine gute Meinung von mir und dachte mich rassismusfrei…Nun ist nicht nur das amerikanische Volk gespalten, sondern auch meine österreichische Seele und obwohl ich nächsten Sonntag keinen Trump zur Verfügung habe, sondern nur Hofer oder VanderBellen, werde ich mit der vollen Überzeugung meiner inneren Zerrissenheit, doch ganz zu meiner Wahl stehen. (offiziell natürlich) inoffiziell erlaube ich mir weiterhin trumpsinnige Gedanken..weil ich zu mir stehe. Du hast mir eine neue Facette meines ICHs gezeigt. Danke dir dafür und für deinen letzten, genialen Satz….dann sage ich euch, wer ich war. Herzlichst Dora

    1. Liebe Dora,
      Danke für deinen wundervollen Kommentar. Ich hoffe dein innere Trump sorgt nicht für eine schlechtere Meinung über dich. Wir sind alle wundervoll, ähm, naja, manche verstecken das ziemlich gut…
      Sei lieb gedrückt und Danke für den neuen Spitznamen, den mein Mann gerade rege nutzt…

  4. Ich liebe Dich inklusive Donald Trump in Dir! Als Mitfrau, Schöpferin, Demütige, Katastrophenfrau und unverbesserliche Weltverbesserin. Ja, ich will manches verbessern und anders haben, aber nicht, weil ich nein dazu sage, wie es ist, sondern weil ich es anders schöner finde. So ähnlich verstehe ich Deinen Artikel. 🙂
    Grüße Dich von Herzen
    Beatrice

    1. Danke Beatrice,
      für deine Liebe trotz Donald Trump. Ich glaube, was mir am wichtigsten wäre, ist eine Welt ohne Verachtung. Verachtung finde ich fast noch giftiger als Hass. Und ich glaube die einzige Chance wirklich die Welt zu verbessern, ist radikal bei mir selbst zu schauen. Mein Schatten ans Licht zu bringen, damit er seine unbewusste Kraft verliert.
      Sei lieb gedrückt und bitte, bitte: schon dich….

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