Recht haben

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Das Thema Recht haben ist eine harte Nuss. Wir leben in einer dualistisch orientierten Welt, die alles und jeden bewertet und einteilt: gut oder böse, richtig oder falsch, links oder rechts, schwarz oder weiß. Noch ehe wir einen ganzen Satz sprechen konnten, haben wir das verinnerlicht. Folglich gehen wir auch davon aus, dass es so etwas wie objektive Wahrheit gibt. Das ist auch ganz hilfreich, wenn es darum geht, am Leben zu bleiben. Antworten auf Fragen wie „Darf ich hier links abbiegen?“ oder „Soll ich von diesem Turm springen?“ können tatsächlich über Leben und Tod entscheiden. In Paarbeziehungen ist das alles ein bisschen komplizierter. Kleiner Trost: Es ist nicht so kompliziert, dass man es nicht verstehen könnte.

Wir vergessen worum es überhaupt geht

rechthaben5Alles beginnt mit der Frage: Worum geht, beziehungsweise worum ging es eigentlich? In der Paarberatung gibt es ein Muster, dem viele solcher Gespräche folgen. Das Hilfe suchende Paar berichtet von einem heftigen Streit am Wochenende. Beide Partner sprechen über ihre Verletzungen und Vorwürfe. Die Frage, worum es in dem Streit ursprünglich ging, kann allerdings keiner von beiden beantworten. Irgendwie ist beiden das Streitthema abhanden gekommen. Übrigens nicht erst im Gespräch mit den Paarberatern, sondern bereits Zuhause und gar nicht selten schon während des Streits selbst.

 

Wer Recht hat gewinnt das Duell

 

Das legt den Schluss nahe, dass es gar nicht so sehr um das ursprüngliche Thema ging, sondern um etwas anderes. Aber worum nur? Um etwas, das uns im Eifer des Gefechts wichtiger geworden ist als das eigentliche Thema. Ums Recht. Recht haben ist mehr als nur eine Waffe, es ist eine Qualität an sich. Wer Recht hat, gewinnt, ist in der dualistisch orientierten Welt der Gute. Das ist so toll, da kann man schon mal vergessen, worum es eigentlich ging. Hauptsache, man gewinnt den Kampf.

 

rechthaben2Das macht man halt so

Wir haben in unserer Praxis schon die aberwitzigsten Themen ans Tageslicht gebracht. Kaum zu glauben, worüber Paare streiten können. Ist es denn wirklich überlebenswichtig, wo die Haarbürste liegt, auf welcher Seite des Küchenbretts wir schneiden, ob die Zahnpastatube vorne oder hinten gedrückt wird, ob die elektrischen Verbraucher im Auto abgeschaltet sind, ehe wir den Motor abstellen? Natürlich gibt es gute Argumente dafür. Es gibt allerdings oft auch interessante Argumente dagegen. Wenn wir die aber nicht akzeptieren wollen, landen wir schnell bei einem interessanten Satz: Das macht man so, es geht schließlich ums Prinzip. Aha.

 

Die Position ist wichtiger als der Partner

Um welches Prinzip es dabei geht, verschweigen wir. Recht Haben ist uns so wichtig ist, dass wir ihm zuliebe sogar gegen unseren Partner kämpfen. Im Kampfgetümmel kennen wir keine Gnade und machen keine Gefangenen. Was Recht ist, muss Recht bleiben. Wer Recht hat, muss Recht behalten. Nachgeben, ein Auge zudrücken, Fünfe gerade sein lassen? Auf keinen Fall. Vor allem wenn wir Zuhörer haben, also vor Publikum ums Recht kämpfen, können wir fast körperlich spüren, dass wir nicht als Verlierer vom Platz gehen wollen. Spätestens dann wird klar, worum es uns wirklich geht. Um unser Image, um das Bild, dem wir selbst entsprechen wollen: siegreich, schön und strahlend. Rechthaber wollen gewinnen. Ihr Interesse gilt ihrer Position, nicht ihrer Beziehung und schon gar nicht ihrem Partner.

 

Wir sind überzeugt von unseren Überzeugungen

Geschirrspüler„Aber wenn ich doch nun mal Recht habe?“ Echte Rechthaber geben nicht so schnell auf. Schon gut, wir haben natürlich immer Recht. Zumindest innerhalb unseres Wertesystems. Die Frage ist nur: Wollen wir Recht haben oder in Beziehung sein? Beides geht nicht. Manches Recht haben mündet in eine Orgie von Besserwisserei, wie „man“ was macht. Wie „man“ die Spülmaschine richtig einräumt, wie „man“ Ordnung hält, wie „man“ reden oder zuhören sollte, wie „man“…. Wir sind so überzeugt von unseren Überzeugungen, dass wir sie wahllos und völlig unreflektiert auf die Welt um uns übertragen, ohne sie auch nur im Ansatz zu hinterfragen. Unser Problem dabei: Unsere Überzeugungen sind nicht immer auch die Überzeugungen unseres Partners. Der kommt aus einem ganz anderen Leben, mit anderen Eltern, anderer Umgebung und anderen Erfahrungen. Die Frage ist nun: Welches „man“ gewinnt. Meist das mit den besseren Argumenten und der größeren Sprachgewandtheit. Mehr aber auch nicht.

 

Manchmal lohnt sich die Auseinandersetzung - meistens nicht

Um es gleich vorwegzunehmen. Manchmal sind uns bestimmte Dinge so wichtig, wie etwa in Fragen der Kindererziehung, dass sich eine lange Auseinandersetzung lohnt. Doch worum kämpfen wir denn im Alltag: um die korrekte Handhabe der Zahnpasta-Tube, ums sinnvolle Einräumen der Spülmaschine, um den kürzesten Weg von A nach B. Es sind oft Nichtigkeiten, um die wir kämpfen, als ob unser Leben davon abhinge, und wir knüppeln den anderen mit unseren Argumenten solange nieder, bis nichts mehr von ihm übrigbleibt.
Wenn ich Recht habe, hat mein Partner Unrecht. Wer hat gewonnen? Ich. Aber will ich wirklich mit einem Verlierer zusammen sein?

 

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