Zurückziehen

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Kampfmittel in Beziehungen

 

Auch der allerschönste Kampfspaß nimmt irgendwann ein Ende. Der Energiespeicher ist leer, die Nerven liegen blank, das Adrenalin ist ausgekostet, die Waffen stumpf und abgenutzt. Militärstrategen raten in solchen Situationen zu einem bewährten Mittel: dem Rückzug. Das machen wir auch in Beziehungen, aber es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Rückzug einer Armee und dem eines Partners. Die sich zurückziehende Armee lässt ihren Gegner in Frieden. Der sich zurückziehende Partner macht das nicht.

rueckzugZurückzieher vermeiden den Konflikt

 

Menschen ziehen sich aus unterschiedlichen Gründen zurück: Manche sind des Kämpfens müde, manche haben keine Lust mehr, sich dauernd mit den gleichen Themen auseinanderzusetzen, andere scheuen Konflikte, und wieder andere wollen ihren Partner strafen: mit Schweigen und Indifferenz. Über eines sollten sich Zurückzieher im Klaren sein: Ob sie es bewusst entscheiden oder nicht, sie signalisieren ihrem Partner vor allem eines: Ich habe kein Interesse, mich mit dir oder uns zu beschäftigen. Das ist starker Tobak, auch wenn er unausgesprochen bleibt. Die Verletzung, die daraus entsteht ist ebenfalls heftig, vor allem dann, wenn niemand darüber sprechen will.

 

Verletzung wird gut gehütet

rückzugmauerDas andauernde Schweigen hat Folgen. Wir erfahren nichts mehr voneinander, wissen nicht, wie es unserem Partner geht, was er denkt und fühlt. So entsteht Raum für Mutmaßung, Spekulation, Verdacht und Argwohn. Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben, leben sich auseinander. Tatsächlich ist dieser Satz in Beratungsgesprächen gar nicht so selten zu hören: „Wir haben uns nichts mehr zu sagen.“ Das ist nur selten die Wahrheit. Paare, die sich auseinandergelebt haben, haben sich oft mehr zu sagen als Partner, die oft miteinander streiten. Sie wollen es nur nicht. Zu groß sind die gut gehüteten Verletzungen, die Scham und der Wunsch, den anderen zu strafen. Tragisch ist das, denn solche Menschen strafen sich in erster Linie selbst. So vergehen Jahre in einer unerfüllten Beziehung. Die Erfahrung lehrt: Das Leben ist endlich. Es sich selbst so zur Hölle zu machen, ist keine gute Idee.

 

Resignation ist nicht Akzeptanz

 

Ein paar ganz Schlaue haben sich für Beratungsgespräche in solchen Paarsituationen einen schönen Satz zurechtgelegt: „Ich habe mein Leben so, wie es ist, akzeptiert.“ Glückwunsch. Menschen haben in der Tat eine große Sehnsucht nach Akzeptanz: Wir alle wollen gesehen werden, für das anerkannt werden, was wir sind. Viele Beziehungen tragen allerdings eine schwere Krankheit in sich. Sie leiden darunter, dass sich die Partner selbst etwas vorgaukeln: Ich akzeptiere die Macken meines Partners und das Leben, das wir führen. Wenn dem so wäre, wären sie glücklich, und ihre Beziehung ein Segen. Sind sie aber nicht, weil sie Akzeptanz mit Resignation verwechseln. Sie haben aufgegeben, an sich und ihrer Beziehung zu arbeiten und schweigen. Die Beziehung stirbt. Das kann Jahre dauern, aber sie stirbt.

 

Die moderne Männer-Höhle: Das Arbeitszimmer

rückzughöhleGrundsätzlich ist Rückzug eher eine männliche Disziplin. Stundenlang verstecken sie sich vor dem PC in ihrem Arbeitszimmer oder hantieren in der Garage. Frau sieht und hört nichts von Ihnen. Der Rückzug zeigt sich dann vor allem im Schweigen. Wenn Frauen sich zurückziehen, strömen sie schweigende Kälte aus. Ihr Problem dabei ist: Die meisten Männer bemerken es nicht, und sind stattdessen eher froh, dass sie endlich ihre Ruhe haben. Dumm geschwiegen.

 

 

Die empfindsame Auster

rückzugausterNormalerweise – und idealerweise – verwenden Partner nie die gleichen Kampfmittel. Nutzt einer den Rückzug, trommelt der andere normalerweise laut an die Arbeitszimmertür, nörgelt oder beschwert sich. Das sorgt zwar für Konflikt und Streit, ist aber immer noch besser als Todesstille. Denn die führt unweigerlich zum Ende jeder Beziehung. Was nicht unbedingt Trennung bedeutet. Es gibt Paare, die leben jahrelang beziehungslos nebeneinander her, völlig in sich zurückgezogen ohne Kommunikation und ohne Miteinander. Das geht, wenn man es will.
Menschen, die Rückzug als Kampfmittel nutzen, sind oft sehr empfindsam. Sie verschließen sich wie eine Auster. Eine Auster kann nur mit dem richtigen Messer und der richtigen Technik wieder geöffnet werden. An dieser nur schwer lösbaren Aufgabe lassen wir lieber unseren Partner scheitern – nicht zur Übung, nur zur Strafe.

 

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